Fünf Fragen an die Autorin


„Warum wir so viel über Sex reden und trotzdem keinen mehr haben“ - gibt es eine solche Kluft tatsächlich?


Leider ja. Viel zu viele Partnerschaften heutzutage leiden unter dieser merkwürdigen Diskrepanz: einerseits omnipräsenter Sex in Medien und Gesellschaft und eine nie gekannte Tabulosigkeit hinsichtlich des Themas Sexualität (denken Sie nur an Verkaufsschlager wie „Feuchtgebiete“ oder die „Vagina-Monologe“), aber nahezu völlige Flaute im eigenen Schlafzimmer andererseits. Da muss zwangsläufig der Eindruck entstehen: Alle da draußen haben überall und ständig perfekten Sex, nur bei mir selbst läuft nichts.

(Guter) Sex ist zweifellos nicht alles in einer Beziehung, aber ohne ihn gerät früher oder später beinahe immer selbst die beste Beziehung in eine schwere Krise. Laut einer Durex-Studie zum Thema „Sexual Wellbeing“ ist in Deutschland nicht einmal die Hälfte der Befragten wirklich zufrieden mit ihrem Liebesleben. Jede zweite Ehe wird hierzulande mittlerweile geschieden; Unzufriedenheit mit dem Sex ist dabei einer der häufigsten genannten Trennungsgründe. Logisch, denn da in unseren modernen Zeiten kaum mehr äußere Zwänge Paare zusammenhalten - weshalb sollte man da auch auf Dauer in einer Beziehung verharren, in der ein so elementares menschliches Bedürfnis wie das nach einer erfüllten Sexualität nicht (mehr) gestillt wird?

Was macht die Liebe auf Dauer zwischen Mann und Frau denn eigentlich so schwierig?


Das beginnt schon damit, dass die männliche und weibliche Sexualität in fast jeder Hinsicht extrem unterschiedlich ist. Es gibt viele Gründe dafür, warum die weibliche Libido tatsächlich so viel komplexer, komplizierter und auch störanfälliger ist als die männliche: evolutionsbiologische, anatomische, psychologische und gesellschaftliche. Das erzeugt ein asymmetrisches Verhältnis zwischen weiblicher und männlicher Lust in der Partnerschaft. Zu Anfang einer Beziehung wird dieser Unterschied meist noch durch den hormonellen Rausch der ersten Verliebtheit ausgeglichen, aber sobald der Alltag einkehrt, tun sich sehr viele Frauen sehr schwer damit, noch wirklich viel Spaß an und Interesse für Sex aufzubringen. Als der Konzern Unilever einmal 1000 Frauen die folgende Frage stellte: »Wie lange würden Sie auf Sex verzichten, wenn Sie dafür einen Schrank voll mit neuen Klamotten bekämen?«, entschied sich die Mehrheit für 15 Monate - ein hübsches Beispiel dafür, welchen Stellenwert Sex für die meisten Frauen hat. Bei Männern wäre das Ergebnis der Befragung ohne Zweifel ganz anders ausgefallen! Das liegt aber eben auch und vor allem daran, dass es für Frauen tatsächlich sehr viel schwieriger ist, Sexualität im Alltag als lustvoll zu erleben.

Außerdem gibt es in Langzeitbeziehungen immer einen Konflikt zwischen Intimität und Erotik, der die Sache weiter erschwert. Zu viel Intimität und Nähe sind Erotikkiller par excellence. Erotik lebt von Fremdheit, Spannung, Hindernissen. Eine Langzeitbeziehung dagegen lebt von Intimität, Vertrautheit, Harmonie. Beides gleichzeitig zu erhalten, ist fast so schwierig wie die Quadratur des Kreises. Der ganz normale Alltag - hier sind natürlich vor allem Kinder und deren Bedürfnisse eine Herausforderung für die Partnerschaft, die die allermeisten Paare im Vorfeld weit unterschätzen! -, Stress im Job oder sonstige Belastungen sorgen dafür, dass die Beziehung weiter erodiert. Wir pflegen unser Auto, unsere Karriere, unser Haus, uns selbst - nur für unsere Beziehung bleibt keine Energie, die wird dann nicht mehr gepflegt, sondern soll „irgendwie“ von allein und ohne besonderes Investment funktionieren.

Und dann muss man auch ganz klar sagen, dass von Mutter Natur eigentlich keine lebenslangen Partnerschaften für uns vorgesehen waren. Die Evolution wäre durchaus zufrieden damit, wenn wir als Paar nur gemeinsam dafür sorgten, dass unser Nachwuchs aus dem Gröbsten heraus ist, bevor wir wieder getrennte Wege gehen. Interessanterweise steigt die Wahrscheinlichkeit für einen Seitensprung bei Langzeitpaaren im dritten Beziehungsjahr dramatisch an, und die Trennungswahrscheinlichkeit hat ihren ersten Höhepunkt im vierten Jahr. Genau das Alter, in dem die lieben Kleinen anfangen, selbständiger zu werden. Zufall? Eher nicht.

Gibt es einen Unterschied zwischen den Paarproblemen früherer Zeiten und denen von heute?


Paare von heute müssen gegen jede Menge zusätzlicher „Beziehungsdestabilisatoren“ ankämpfen, die es so früher nicht gab, während gleichzeitig etliche „Beziehungsstabilisatoren“ vergangener Zeiten weggefallen sind. Um mit den fehlenden Stabilisatoren anzufangen: Weder wirtschaftlich-materielle, noch gesellschaftlich-moralische oder religiöse Zwänge halten Paare heute noch von außen zusammen und liefern ihnen einen Grund, auch schwierige Beziehungsphasen miteinander durchzustehen. Frauen verdienen ihr eigenes Geld, Scheidung, Patchworkfamilie oder Singletum sind kein Stigma mehr, sondern ein Lifestyle, und kirchlich geheiratet wird heute - wenn überhaupt - vor allem um der Show willen und nicht mehr, weil man Gott gegenüber eine gegenseitige Verpflichtung eingehen möchte. Heute bleibt ein Paar nur noch deshalb zusammen, weil es sich liebt - oder eben nicht mehr.

Destabilisierend wirken sich zusätzlich viele Entwicklungen und Errungenschaften der Neuzeit auf Beziehungen aus: Mehrgenerationen- und Großfamilien, die früher jungen Elternpaaren beispielsweise eine ganz selbstverständliche Entlastung bei der Kinderbetreuung und Einkommenssicherung boten, gibt es praktisch nicht mehr, was für viele junge Eltern zusätzlichen Stress bedeutet. Gleichzeitig sind die Ansprüche an Beziehung und Elternschaft himmelhoch gestiegen - auf eine Weise, die viele Paare enorm unter Druck setzt. Der schon erwähnte omnipräsente Sex erhöht diesen noch weiter, ebenso wie der moderne Beziehungskiller Nr. 1, das Internet: Ob Pornographie, Cybersex, Seitensprungagenturen oder Flirtplattformen - alles das trägt dazu bei, die Illusion zu schaffen, jenseits von nervigem Beziehungsalltag und Paarproblemen gäbe es da draußen irgendwo die einfache, allein selig machende Lösung für alle Widrigkeiten. Zusätzlich zum Internet schaffen auch die anderen modernen Medien (Fernsehen, Smartphone, Tablet etc.) und der aus ihnen quellende Informationsstrom jede Sekunde so viel Ablenkung, dass wir uns nur noch selten mit unserer vollen Aufmerksamkeit unserem Partner widmen. Beobachten Sie mal Paare beim Abendessen im Restaurant - da liegen fast immer zwei Handys griffbereit neben den Weingläsern. Nicht gut.

Sie haben einmal von einem „Sexkrieg in deutschen Schlafzimmern“ gesprochen. Was genau meinten Sie damit?


Damit meinte ich, dass leider in vielen Langzeitbeziehungen Sex irgendwann seine rekreative und beziehungsstabilisierende Funktion verliert und stattdessen zum reinen Machtmittel innerhalb der Partnerschaft degradiert wird. So nach der Devise: Sei, wie ich dich haben will, und tu, was ich von dir erwarte, sonst verweigere ich mich dir! Das ist natürlich ein Teufelskreis, in den man sich da begibt, denn früher oder später wird der Partner einem mit gleicher Münze heimzahlen: Wenn du dich mir verweigerst, dann tue ich erst recht nicht, was du willst! Auf diese Weise manövrieren sich viele Paare - übrigens gar nicht bewusst und oft ohne es überhaupt selbst zu merken - in eine unglaublich destruktive Abwärtsspirale, in der Sex irgendwann zum hoch politischen Thema wird und überhaupt nichts mehr mit Spaß oder Lust zu tun hat. Da geht es dann gar nicht mehr darum, wer wenn wann begehrt oder nicht. Sex wird schlicht zur beziehungsinternen „Währung“ instrumentalisiert, mit deren Hilfe belohnt und bestraft wird.

Und gibt es denn einen Weg aus dieser Misere heraus?


Ja, natürlich, aber je nachdem, wie weit man sich da schon verstrickt hat, kann er ziemlich anstrengend werden und sehr viel Engagement von beiden Seiten erfordern. Man muss es schaffen, sich aus den gegnerischen „Schützengräben“ heraus und wieder aufeinander zu zu bewegen. „Eine gute Ehe beruht auf dem Talent zur Freundschaft“, hat Nietzsche gesagt, und da ist viel Wahres dran. Das Teamgefühl muss zurückkommen, der Partner darf nicht länger als das Problem wahrgenommen werden, sondern man muss sich im Gegenteil mit dem Partner verbünden, um das Problem zu lösen. Diese Veränderung der Sichtweise ist manchmal schwierig zu erreichen (weil es ja so viel bequemer ist, den Partner als das Problem zu sehen!), aber existenziell notwendig.

Das Thema Sex muss erstens (wieder) die Priorität bekommen, die ihm als Teil einer Beziehung zusteht und darf nicht länger unter „ferner liefen“ abgelegt sein. Zweitens muss es vom Thema Macht entkoppelt werden, falls es bereits innerhalb der Beziehung entsprechend missbraucht wird oder wurde. Und drittens ist es wichtig, sich sowohl als Individuum als auch als Paar aus der sexuellen Komfortzone heraus zu bewegen, in der man sich über die Jahre hinweg eingerichtet hat und in der man sich nun gemeinsam langweilt. Dafür ist es nötig, alte Zöpfe abzuschneiden, ein paar falsche Glaubenssätze über Bord zu werfen (mein liebster darunter: „Sex muss spontan stattfinden, sonst ist er nicht gut!“) und sich auf unbekanntes, manchmal Angst machendes Gelände zu wagen. Alles das ist nicht einfach, aber absolut machbar. Und dann kann man auch zu einer für beide Seiten in jeder Hinsicht befriedigenden Beziehungsrealität finden!