Leseprobe zu "Fremdenverkehr"


Paarprobleme
Frauen und Männer sind einander fremd. Weltbestseller wie Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken oder Männer sind anders. Frauen auch. lassen keinen Zweifel daran. Zwar rücken, neueren Erkenntnissen der Geschlechterforschung nach, zunehmend auch Gemeinsamkeiten in den Vordergrund - aber etwas scheint doch dran zu sein an all den Thesen, die die Unterschiede betonen, den Geschlechterkrieg postulieren oder sogar scherzhaft behaupten, Männer und Frauen müssten von ganz unterschiedlichen Planeten stammen. Warum sonst würden wir in gar so herzlichem Einvernehmen über entsprechende Sketche und Bonmots von Loriot bis Mario Barth lachen? Unsere Alltagserfahrung bestätigt uns immer wieder, dass in (Langzeit-)Beziehungen tatsächlich oft unterschiedliche Welten aufeinanderzuprallen scheinen. Sobald die Wogen der ersten Leidenschaft abebben, treten meist reichlich schroffe Klippen darunter in Erscheinung: Die Kommunikation gestaltet sich zunehmend schwieriger als auf einem UNO-Gipfel ohne Dolmetscher, die Ansprüche an den anderen und die Vorstellungen hinsichtlich eines Lebens zu zweit erweisen sich viel zu oft als kaum miteinander vereinbar. „Was bist du nur für ein seltsames, mir so oft unverständliches und unbekanntes Wesen, du, mit dem ich jeden Tag Tisch und Bett teile? Warum denkst du nicht, wie ich denke, fühlst nicht, wie ich fühle, und wieso zum Teufel verhältst du dich nicht so, wie ich es von dir erwarte? Du bist wie ein Fremder für mich!“

In Sachen Sexualität trifft diese Feststellung leider gleich in doppelter Hinsicht zu: Es ist nicht nur so, dass sich männliche und weibliche Sexualität tatsächlich fundamental voneinander unterscheiden (worin gerade in Langzeitbeziehungen zusätzliches Potenzial für Missverständnisse und Frustrationen verborgen liegt, mehr als sonst im gemeinsamen Alltag), sie wird auch oft als stärkstes Druckmittel eingesetzt und fordert deshalb erste Opfer auf dem Beziehungsschlachtfeld. Irgendwann findet man sich plötzlich statt als liebende Partner, die im selben Team spielen, als einander fremde und unversöhnliche Kontrahenten in feindlichen Schützengräben wieder: „Gibst du mir nicht, was ich von dir will, dann gebe ich dir auch nicht, was du von mir willst - und schlafen werde ich ganz bestimmt nicht mit dir!“ - Willkommen im Teufelskreis des Beziehungs-Monopoly ... und mittendrin im „Fremdenverkehr“.

In diesem Buch werden wir uns mit einer merkwürdigen Diskrepanz beschäftigen, unter der viele Partnerschaften heutzutage leiden: einerseits omnipräsenter Sex in Medien und Gesellschaft und eine nie gekannte Tabulosigkeit hinsichtlich des Themas Sexualität – dabei aber nahezu völlige Flaute im eigenen Schlafzimmer andererseits. (Guter) Sex ist zweifellos nicht alles in einer Beziehung, aber ohne ihn gerät früher oder später beinahe immer selbst die beste Beziehung in eine schwere Krise. Laut einer aktuellen Studie ist in Deutschland nicht einmal die Hälfte der Befragten wirklich zufrieden mit ihrem Liebesleben. Jede zweite Ehe wird hierzulande mittlerweile geschieden; Unzufriedenheit mit dem Sex ist dabei einer der häufigsten Trennungsgründe. Logisch, denn da in unseren modernen Zeiten kaum mehr wirtschaftliche und noch weniger gesellschaftlich-moralische Zwänge Paare zusammenhalten — weshalb sollte man da auch auf Dauer in einer Beziehung verharren, in der ein so elementares menschliches Bedürfnis wie das nach Sexualität nicht (mehr) gestillt wird?

Machen wir uns auf die Suche nach einer Lösung des Dilemmas! Warum scheint eine befriedigende Sexualität in einer Langzeitbeziehung eigentlich ähnlich schwierig erreichbar zu sein wie die viel zitierte Quadratur des Kreises? Und was können wir als Paar tun, um uns aus unseren Schützengräben wieder heraus- und aufeinander zuzubewegen - nicht nur im Schlafzimmer, sondern auch in den anderen Lebensbereichen?

Oversexed and underfucked: was die Liebe heute schwierig macht


Die Autorin Ariadne von Schirach war es, die das eingangs beschriebene Beziehungsdilemma - einerseits genüsslich zelebrierter Sex, wohin man in den Medien auch schaut, andererseits aber bei den meisten Menschen die ständig sinkende Zufriedenheit mit dem eigenen Liebesleben – mit der Beschreibung „oversexed and underfucked“ sehr treffend auf den Punkt gebracht hat. Aber woran liegt es eigentlich, dass wir uns trotz (oder wegen?) all der sexuellen Freiheiten, die wir heutzutage haben, in unseren Partnerschaften mit diesem Thema offensichtlich schwerer tun als jemals zuvor?

Zwei Fremde im Bett


Dass es zwischen Mann und Frau in Sachen Sexualität mehr als einen kleinen Unterschied gibt, wissen wir alle lange nach unserer überraschten Feststellung in der Badewanne, dass Brüderchen zwar ein Zipfelchen hat, Schwesterchen aber nicht. Seit damals sind unsere Erkenntnisse über den kleinen Unterschied vermutlich in verschiedener Hinsicht gewachsen und gereift. Dennoch — manchmal scheint die Kluft zwischen Mann und Frau in Sachen Sex fast unüberbrückbar. Selbst der große Psychoanalytiker Sigmund Freud fragte sich einst verzweifelt: „Was will das Weib?“

Eine häufig zitierte satirische Antwort darauf — ohne Zweifel von einem erfahrenen Beziehungsveteranen verfasst (der leider unbekannt, doch meines Erachtens ganz sicher männlich ist!) — lautet wie folgt:

Wie man als Mann eine Frau immer und überall zufrieden stellt:
Man muss sie liebkosen, loben, verhätscheln, massieren, ihre Sachen reparieren, sich in sie hineinversetzen, ihr ein Ständchen bringen, ihr Komplimente machen, sie unterstützen, ernähren, beruhigen, reizen, ihr ihren Willen lassen, sie beschwichtigen, anregen, streicheln, trösten, in den Arm nehmen, überflüssige Pfunde ignorieren, mit ihr kuscheln, sie erregen, ihr beruhigende Worte zuflüstern, sie beschützen, sie anrufen, ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen, mit ihr rumknutschen, sich an sie schmiegen, ihr verzeihen, ihr nette Kleinigkeiten mitbringen, sie unterhalten, bezaubern, ihr die Einkaufstasche tragen, gefällig sein, sie faszinieren, sich um sie kümmern, ihr vertrauen, sie verteidigen, sie einkleiden, mit ihr angeben, sie heiligen, anerkennen, verwöhnen, umarmen, für sie sterben, von ihr träumen, sie necken, ihr Befriedigung verschaffen, sie drücken, mit ihr nachsichtig sein, sie zum Idol erheben, den Boden unter ihren Füßen verehren.

Wie man als Frau einen Mann immer und überall zufrieden stellt:
Erscheinen Sie nackt.

Der Verfasser dieser Zeilen bringt den essenziellen Unterschied zwischen weiblicher und männlicher Sexualität sehr treffend auf den Punkt: Die weibliche Sexualität ist ein hochkomplexer und sehr störanfälliger Prozess. Damit verglichen ist die männliche eher simpel und — wenn man organische Probleme und Erkrankungen einmal ausklammert — in ihren Abläufen auch weitaus weniger leicht irritierbar. In einer Studie des Informationszentrums für Sexualität und Gesundheit von 2010 gaben beispielsweise weit über 80 Prozent (!) der befragten Frauen an, Probleme mit dem Sex zu haben. Und nur jede vierte Frau bezeichnete ihr Sexualleben überhaupt als „zufriedenstellend“.

Die Sexualität der Frau ist komplizierter als die des Mannes, wie sich anhand zahlreicher Untersuchungen belegen lässt — und böte durchaus ausreichend Stoff für ein weiteres Buch. Deshalb greife ich hier nur einige der zahlreichen vermuteten Ursachen dafür heraus.

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass der Sexualtrieb des Mannes tatsächlich meist stärker ausgeprägt ist als derjenige der Frau. Das hat vor allem mit dem männlichen Geschlechtshormon Testosteron zu tun. Es sorgt dafür, dass der Blutdruck eines Mannes im Tagesverlauf sehr viel öfter ansteigt als der einer Frau. (Möglicherweise ist dies mit ein Grund dafür, dass vor allem jüngere Männer häufiger an Bluthochdruck leiden als Frauen.) Ein ansteigender Blutdruck aber führt automatisch auch zu einer vermehrten Durchblutung der Geschlechtsorgane. Wir werden weiter unten noch feststellen, dass Männer diese körperlichen Veränderungen interessanterweise intensiver wahrnehmen als Frauen. Übrigens — wenn wir schon dabei sind: Männer werden täglich mehrmals, bereits optisch an das Thema Sex erinnert, nämlich jedes Mal, wenn sie sich ausziehen, umziehen oder nur zur Toilette gehen. Bei jeder dieser Gelegenheiten springt ihnen ihr „bestes Stück“ sozusagen ins Auge und mit ihm die Frage: „Wann hatten wir zwei eigentlich das letzte Mal Sex?“ — Bei Frauen ist das nicht der Fall. Diese müssten — wenn sie sich denn mal mit ihren Sexualorganen auseinandersetzen wollten — die Toilettentür abschließen und einen Handspiegel zu Hilfe nehmen. Also nichts, was frau ohnehin ständig täte. Die schiere Präsenz des männlichen Geschlechtsorgans im Alltag lässt seinem Träger also eigentlich gar keine Chance, das Thema Sex für längere Zeit aus den Augen zu verlieren.

Daneben war, evolutionär betrachtet, der männliche Orgasmus schon immer eine zwingende Voraussetzung für die Fortpflanzung. Ein Mann, der während des Geschlechtsverkehrs mit einer Frau ejakuliert, kann Nachkommen zeugen — ein Mann, der dabei keinen Orgasmus erlebt, dagegen nicht. Männer, die leicht zum Höhepunkt kamen, hatten damit bei unseren Vorfahren einen Selektionsvorteil und gaben ihre Gene eher weiter. Die Evolutionsgeschichte begünstigte also bei der Entwicklung der männlichen Sexualität eine kurze, steil ansteigende und wenig störanfällige Erregungskurve ebenso wie einen schnellen, unkompliziert zu erreichenden Orgasmus.

So viel Glück hatten wir Frauen leider nicht: Da wir, auch ohne sexuell erregt zu sein, während unserer fruchtbaren Tage problemlos schwanger werden können, stellte der Orgasmus für uns keinen Selektionsvorteil dar, sondern war eher so etwas wie ein Sahnehäubchen — nice to have, aber nicht wirklich notwendig für den Erhalt der Art. Es gibt zwar Theorien darüber, dass der weibliche Orgasmus eine Empfängnis etwas begünstigt — zum einen, weil die dadurch ausgelösten Muskelkontraktionen die Spermien auf ihrem Weg zum Ei beim Vorankommen unterstützen, zum anderen, weil dabei ein Schleimpfropf ausgestoßen wird, der im Normalfall die Gebärmutter zum Schutz vor Keimen verschließt. Aber einen wirklich entscheidenden Unterschied bewirkt beides nicht. Frauen, die beim Geschlechtsverkehr leicht einen Höhepunkt erlebten, gaben ihre Gene in der Entwicklungsgeschichte deshalb nicht erfolgreicher weiter als Frauen, die sich mit einem Orgasmus eher schwer taten. Salopp formuliert, könnte man sagen: Die Evolution hatte einfach keinen Grund, den Frauen den Spaß am Sex so leicht zu machen wie den Männern.

Dieses Missverhältnis zwischen den Geschlechtern spiegelt sich unter anderem auch in den Ergebnissen einer Studie der amerikanischen Psychologin Elisabeth Lloyd: Darin gaben fast 90 Prozent der befragten Frauen an, bei entsprechender sexueller Stimulation einen Orgasmus zu erleben — die wenigsten davon allerdings erreichten diesen ausschließlich durch Geschlechtsverkehr. Viele gaben sogar an, allein dadurch niemals einen Höhepunkt erleben zu können. Und etwa 10 Prozent der Frauen kommen nie zum Orgasmus. Im Gegenzug berichteten fast 100 Prozent (!) der befragten Männer, nur durch Geschlechtsverkehr problemlos einen Orgasmus zu bekommen. Sie sind durchaus offen für andere Formen der Stimulation, aber diese sind — anders als bei der überwiegenden Mehrheit der Frauen — nicht unbedingt notwendig, damit sie auf ihre Kosten kommen.

Über die genauen Ursachen dieser eklatanten Unterschiede zwischen dem weiblichen und dem männlichen Erleben beim Geschlechtsverkehr wird noch spekuliert. Mit Sicherheit spielt der schon erwähnte Evolutionsdruck eine Rolle. Möglicherweise wird die Situation noch verstärkt durch soziale und psychologische Faktoren (um die dazugehörige Theorie kurz zusammenzufassen: Für Frauen ist es auch heute noch gesellschaftlich gesehen einfach ein bisschen weniger okay, Spaß am Sex zu haben, als für Männer). Sehr wahrscheinlich trägt auch die Anatomie der Sexualorgane zu der Problematik bei: Während die Stimulation der empfindlichen Penisspitze durch die Vagina beim normalen Geschlechtsverkehr zwangsläufig erfolgt, ist das bei der weiblichen Klitoris keineswegs zwangsläufig der Fall. Ihre Lage kann nämlich je nach Frau ganz unterschiedlich sein (zwischen 1,6 und 4,5 cm von der Vagina entfernt). Davon hängt es ab, ob sie während der Penetration vom Penisschaft stimuliert wird — oder eben nicht. Bei Letzterem ist es für eine Frau schwierig bis unmöglich, ohne zusätzliche Stimulation, allein durch den Geschlechtsverkehr zum Orgasmus zu kommen.

Das aber nur der Vollständigkeit halber — im Grunde genommen ist für unsere Überlegung die Ursache dieses „kleinen Unterschieds“ zwischen Männern und Frauen an dieser Stelle gar nicht ausschlaggebend. Wichtig ist nur festzuhalten: So wie im satirischen Text eingangs behauptet, ist es für Frauen tatsächlich oft auch von der Anatomie her schwieriger und mit mehr Aufwand verbunden, Spaß am Sex zu haben, als für Männer. Behalten Sie das auf jeden Fall im Kopf — diesem Punkt kommt nämlich später eine wichtige strategische Bedeutung im Kampf der Geschlechter zu!

Die weibliche Sexualität ist auch in anderer Hinsicht anspruchsvoller und störanfälliger als die des Mannes. Alfred Kinsey stellte bereits 1953 in seinem Kinsey Report lakonisch fest: „Käsestückchen, die man vor einem kopulierenden Rattenpaar ausstreut, stören möglicherweise die Konzentration des Weibchens — aber niemals die des Männchens.“ Leider trifft das bei uns Menschen nicht nur bezogen auf Käsestückchen, sondern auch auf weniger nette Ablenkungen wie Stress, Alltagsprobleme, Müdigkeit und andere psychische und physische Missempfindungen zu. Auch sie beeinträchtigen eher die Libido und Orgasmusfähigkeit der Frauen als die der Männer. Dazu kommen zyklusbedingte Schwankungen, die hormonell ausgelöst werden und die ebenfalls das weibliche sexuelle Verlangen beeinflussen. Ganz zu schweigen natürlich von noch schwerer wiegenden körperlichen und seelischen Veränderungen in Lebensphasen wie Schwangerschaft, Stillzeit oder Wechseljahre. Wenn man bedenkt, wie viele Faktoren (negativ) auf die weibliche Lust einwirken und diese stören können, drängt sich einem die Frage auf, wie wir Frauen eigentlich überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt wirklich aktiv Interesse an Sex entwickeln können!

Untersuchungen haben darüber hinaus gezeigt, dass wir Frauen — im Gegensatz zu Männern — unsere sexuelle Erregung oft nicht einmal richtig einschätzen können, ja, dass wir sie gar nicht so selten überhaupt nicht wahrnehmen! Ein Mann, der eine Erektion (oder auch nur eine Teilerektion) bekommt, registriert diese sofort und fühlt sich dann auch erregt. Bei einer Frau ist der Erregungsprozess subtiler und buchstäblich weniger augenfällig: Wird sie durch irgendetwas sexuell stimuliert, löst das eine verstärkte Durchblutung der Genitalorgane und das Feuchtwerden der Vagina aus. Rein physiologisch betrachtet, ist die Frau zu diesem Zeitpunkt erregt — das bedeutet aber noch lange nicht, dass sie sich auch erregt fühlt! Umgekehrt lässt sich genauso wenig aus einer trockenen Vagina auf eine nicht erregte Frau schließen. Studien haben festgestellt, dass manche Frauen sogar mehrere Orgasmen erleben können, ohne dass ihre Vagina dabei überhaupt feucht wird.

Erstaunliche Resultate, die in eine ähnliche Richtung weisen, liefert die Forschung auch bezüglich der Wirkung von Pornografie auf Frauen. Die kanadische Forscherin Meredith Chivers maß in einem Aufsehen erregenden Experiment die körperlichen Veränderungen bei Frauen, während sie sie pornografisches Bildmaterial betrachten ließ. Die Frauen reagierten — unabhängig von ihrer eigenen sexuellen Orientierung — mit ansteigender Durchblutung und Lubrikation ihrer Genitalregionen sowohl auf Bilder von lesbischen und schwulen wie von heterosexuellen Paaren. Sogar Bilder kopulierender Bonobo-Affen genügten, um eine messbare Erregungsreaktion bei Frauen auszulösen, auch wenn diese dann etwas schwächer ausfiel. Im Gegensatz dazu sprachen Männer im gleichen Experiment nur auf Bilder an, die ihrer sexuellen Orientierung entsprachen: heterosexuelle Männer also nur auf Hetero-Sex (und auf lesbische Darstellungen, weil an diesen zwei nackte Frauen beteiligt sind), homosexuelle Männer nur auf homosexuellen Sex.

Befragte man die Frauen jedoch danach, ob sie sich beim Betrachten der Bilder erregt gefühlt hätten, verneinten sie dies. Bei den Männern waren sich Kopf und Körper dagegen einig: Wenn sie angaben, sich erregt zu fühlen, dann wiesen auch die Messgeräte entsprechende Ausschläge auf und umgekehrt. Chivers schloss aus diesen Ergebnissen, dass eine rein physiologische Erregung bei Frauen nicht gleichbedeutend mit dem tatsächlichen Empfinden von Lust ist. Frauen definierten Lust sehr viel stärker über den Kopf als über den Körper, meint sie, und fügt scherzhaft hinzu: „Ansonsten müsste ich glauben, dass Frauen Sex mit Bonobos haben möchten.“ Möglicherweise, so ihre Vermutung, reagiert die weibliche Vagina auf die Wahrnehmung sexueller Reize in jeder Form sozusagen sicherheitshalber so, dass sie — sollte es tatsächlich zum Sex kommen — vor Verletzungen geschützt bleibt. Vielleicht ist dies ein altes evolutionäres Erbe aus jenen Zeiten, in denen gewalttätiger oder zumindest nicht hundertprozentig einvernehmlicher Sex vermutlich eher an der Tagesordnung war. Die wenigsten Steinzeitmänner werden sich schließlich so viel Zeit genommen haben, derart aufwändig um eine Steinzeitfrau zu werben wie eingangs satirisch beschrieben!

Offensichtlich besteht bei uns Frauen also ein weit geringerer Zusammenhang zwischen wahrgenommener sexueller Erregung und tatsächlich messbaren körperlichen Veränderungen als bei Männern. Es ist gut möglich, dass wir unsere Erregung gar nicht bewusst registrieren. Und selbst wenn wir sie spüren und Sex haben, fällt es uns schwer, die Aufmerksamkeit (nur) darauf zu fokussieren. Dabei wäre das eine wesentliche Voraussetzung für den vollen Spaß an der Sache. Die Wissenschaftsjournalistin Mary Roach berichtet in ihrem überaus amüsanten Buch Bonk. Alles über Sex – von der Wissenschaft erforscht von Ärzten in den USA, welche Frauen, die über mangelnde sexuelle Lust klagen, deshalb tatsächlich niedrige Dosen von Ritalin verabreichen. Ritalin ist ein Medikament, das Kindern verschrieben wird, die unter einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) leiden. Es soll den Frauen dabei helfen, die eigene Erregung besser wahrzunehmen und dann aber auch bei der Sache zu bleiben. Salopp gesagt: sich anständig auf das zu konzentrieren, was da im Bett und im eigenen Körper vorgeht, und sich nicht ständig wie die Rattenweibchen von Käsestückchen oder anderem ablenken zu lassen. Auch sollten Frauen endlich aufhören, sich ständig darüber zu sorgen, ob ihr Partner beim Sex vielleicht ihren Hintern zu dick finden könnte. Eine Studie von Natalie Dove und Michael Wiederman zeigte, dass Frauen, die sich häufig solche und ähnliche Sorgen machten — Überraschung! — sexuell unzufriedener waren und häufiger einen Orgasmus vortäuschten als jene, die sich einen Teufel darum scherten, ob sie beim Sex gerade fotogen wirkten und ob ihr Partner wohl mit ihrer Performance zufrieden war. (Wie wir wissen, ist dies ein Zustand, der Frauen im heutigen Medienzeitalter und im Griff eines gnadenlosen Schönheitsterrors nicht gerade leicht gemacht wird.)

Einen nicht unwesentlichen Erkenntnisgewinn hinsichtlich der Andersartigkeit des weiblichen und männlichen Begehrens lieferte übrigens auch die Potenzpille Viagra. 1998 als Medikament zugelassen, bescherte sie der Pharmaindustrie quasi über Nacht derartige Rekordumsätze, dass Forscher fieberhaft nach einem Pendant für das weibliche Geschlecht zu suchen begannen, in der Annahme, dieses werde sich ebenso gut verkaufen. Sie mussten feststellen, dass sie sich geirrt hatten. Ein entsprechendes Medikament, das zu einer verstärkten Durchblutung der weiblichen Sexualorgane führte — und somit, physiologisch betrachtet, eigentlich für Erregung hätte sorgen müssen — löste bei den Frauen keineswegs den erwarteten Sturm der Leidenschaft aus. Weibliche Erregung, so schlossen viele Forscher auch hieraus, entsteht vor allem im Kopf, nicht in den Genitalien. Und kommt es zu einer Differenz zwischen dem, was der Kopf sagt, und dem, was die Vagina meint, dann setzt sich der Kopf durch.

Wahrscheinlich liegt eine Ursache für dieses merkwürdige Missverhältnis hinsichtlich weiblicher Lust, wie bereits erwähnt, auch in einer jahrtausendealten Form der Sozialisation, der Mädchen weltweit immer noch in puncto Sex unterworfen werden. Lustvolle weibliche Sexualität war in den allermeisten Kulturen, Religionen und Epochen ausgesprochen angst- und schambesetzt; sie wurde abgelehnt, bekämpft und — teilweise auch heute noch! — drakonisch bestraft oder gar vollständig zerstört. Als Beispiele sollen hier nur die Burka-Tradition einiger muslimischer Gruppen und die auch heute noch jährlich tausendfach stattfindende Genitalverstümmelung junger Mädchen in vielen Ländern genannt sein. Sexuelle Lust zu erfahren, sie selbstbewusst und selbstbestimmt auszuleben, war für uns Frauen von jeher problematisch, oft gefährlich und manchmal sogar tödlich. (Noch heute droht zum Beispiel im Iran beim Ehebruch ertappten Frauen der Tod durch Steinigung.) Fünfzig Jahre sexueller Revolution und ein paar Jahrzehnte des Feminismus löschen derart tief eingeschliffene Strukturen nicht einfach aus. „Das, was sich über Jahrhunderte an Moral, an Scham, an Verboten, an Frauenbildern – was man als Frau tun darf und was nicht – zutiefst in jede Körperzelle eingegraben hat, macht uns eng und taub, vor allem auch in unseren sexuellen Bedürfnissen und Empfindungen“, schreibt Claudia Haarmann in ihrem Buch „Unten `rum …“ — Die Scham ist nicht vorbei über dieses Phänomen. Es ist leicht verständlich, dass ein Geschlecht wie das unsere, dem der Zugang zur eigenen Sexualität so lange so schwer gemacht wurde, notgedrungen gelernt hat, Seele und Körper voneinander abzuspalten, wenn es um das Thema Sex geht. Männer hatten Derartiges nie nötig.

Eine Anekdote am Rande: Als der Konzern Unilever seinerzeit 1000 Frauen die folgende Frage stellte: „Wie lange würden Sie auf Sex verzichten, wenn Sie dafür einen Schrank voll mit neuen Klamotten bekämen?“, entschied sich die Mehrheit für 15 Monate. Stellen Sie sich mal vor, man hätte 1000 Männern dieselbe Frage gestellt …

Halten wir also als erstes Resümee fest, dass bei uns Frauen Körper und Geist in Sachen Sex — aus welchen Gründen letztendlich auch immer — sehr viel unabhängiger voneinander zu ticken scheinen als bei Männern. Was Wunder, dass die Momente sexueller Erregung, in denen wir sie als Einheit erleben, vergleichsweise dünn gesät sind? Ganz im Gegensatz zu unseren Partnern, die es da sehr viel einfacher haben. Wir können also mit Fug und Recht von einem asymmetrischen Verhältnis zwischen männlicher und weiblicher Lust in der Partnerschaft ausgehen. Dieser Punkt wird später ebenfalls eine wichtige Rolle im Kalten (Sex-)Krieg der Geschlechter spielen.